(erschienen in der Braunschweiger Zeitung am Samstag, den 17. März 2012)
Seit es Ozeane auf der Erde gibt, gibt es Ebbe und Flut. Gemeinsam werden sie Gezeiten genannt. Ihr kennt sie vom Urlaub am Meer: Erst könnt ihr auf dem Strand weit hinausgehen, doch dann steigt das Wasser immer höher. Die Flut kommt. Sechs Stunden später fließt das Wasser wieder ab, jetzt kommt die Ebbe. So gibt es also zweimal am Tag Hoch- und zweimal am Tag Niedrigwasser. Das passiert auf der ganzen Welt, mehr oder weniger stark. Aber wieso verändert sich der Wasserstand der Meere?
Von der Erde geht eine Anziehungskraft aus, das wissen wir: Ohne sie würden wir und alle Gegenstände haltlos umher schweben. Es wäre überhaupt kein Leben auf der Erde möglich, weil die Atmosphäre nicht den Planeten umhüllen würde, sondern schlicht ins Weltall geschwebt wäre.
Auch von unserem Mond geht eine Anziehungskraft aus – natürlich nur eine sehr geringe, er ist ja viel kleiner als die Erde. Doch die Kraft reicht aus, um das Wasser der Meere anzuziehen: Auf der Seite der Erde, die dem Mond zugewandt ist, stärker als auf der abgewandten Seite. Auf der dem Mond abgewandten Seite gibt es aber auch einen Flutberg. Aber wie entsteht der zweite Flutberg?
Durch die Bewegung des Mondes um die Erde wird immer an ihr herumgezogen und -gezerrt. Die Erde wird so immer ein wenig um ihren Mittelpunkt herumgeschleudert, und das führt zu Fliehkräften. Die Fliehkräfte und die Anziehung des Mondes führen zusammen dazu, dass es auf zwei Seiten der Erde einen Flutberg gibt – und dazwischen die Ebbe! So genau wussten es die Griechen damals noch nicht, als sie den Mond als Ursache für die Gezeiten im Verdacht hatten!
Durch das Zusammenwirken von Eigendrehung der Erde und dem Umlauf des Mondes um die Erde ist ein Gezeitenzyklus etwas länger als ein Tag – 24 Stunden und 50 Minuten, um genau zu sein. Dennoch ist es auch heute noch extrem schwer, die Gezeiten exakt zu berechnen. Denn auch Küstenverläufe oder starke Strömungen wirken sich auf Ebbe und Flut aus. Gebiete, die an offenen Ozeanen liegen, verzeichnen üblicherweise einen stärkeren Anstieg des Wasserspiegels.
An unserer geschützten Ostseeküste beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut nur etwa 30 Zentimeter, an der Nordsee hingegen ein bis zwei Meter: Die Wassermassen des Atlantiks drücken gewissermaßen mit Wucht gegen die Nordseeküste. Wo sich die Flut aufstauen kann, etwa in Flussmündungen wie bei Elbe und Weser, kann der Unterschied bis zu vier Metern betragen.
In der Bay of Fundy, einer großen Bucht an der kanadischen Ostküste, ist der Tidenhub, also der Unterschied zwischen den Wasserständen bei Ebbe und Flut, weltweit am gewaltigsten: Um bis zu 21 Meter, also in der Größe eines Mehrfamilienhauses, ändert sich der Wasserstand alle zwölf Stunden.
Die Flut kann sehr schnell ansteigen. Die Menschen, die beispielsweise in der Morecambe Bay in Nordwestengland leben, sprechen davon, dass das Wasser “mit der Geschwindigkeit eines guten Pferdes hereinkommt”. Das mag übertrieben klingen, macht aber deutlich, dass man sehr gut aufpassen muss, um bei einsetzender Flut nicht plötzlich von Meer umgeben zu sein. Tödliche Unfälle hat es aufgrund von Unachtsamkeit schon viele an den Küsten der Welt gegeben.
(Autor: Michael Michalzik)
Wollt ihr auch ganz genau wissen, wie etwas funktioniert? Habt ihr eine Frage, die unsere “Besserwisser”-Wissenschaftler beantworten sollen? – Dann mailt uns an info@hausderwissenschaft.org! Die Antwort auf eure Fragen lest ihr samstags in der Braunschweiger Zeitung und etwas später in diesem Blog.
Klasse erklärt. Super! Danke für das tolle Thema.
Comment by Hannah — 21. März 2012 @ 11:59